Dienstag, 19. November 2013

Wildtiere in der Tierarztpraxis - Daktari in Berstadt?

"Cappuccino" Steinmarder-Säugling
Als Kind war ich fasziniert von "Daktari". Können Sie sich auch noch an die Serie mit dem schielenden Löwen "Clarence"  und der kecken Schimpansendame "Judy" erinnern? Nun, auch bei uns in der Praxis werden immer mal Wildtiere von besorgten Mitmenschen eingeliefert. Nicht gerade Löwen, Zebras und Gazellen, aber halt die Tiere, die bei uns so wild leben. Das ist dann rechtlich so eine Sache, denn Wildtiere unterliegen dem Jagd- und Naturschutzrecht, so ist der jeweilige Jagdpächter des Fundortes für das weitere Vorgehen verantwortlich. Die Wildtiere in seinem Revier "gehören" sozusagen ihm. Er entscheidet, was passiert, natürlich wiederum im Rahmen des Tierschutzgesetzes :-) Heutige Jagdpächter sind auch nicht unbedingt die schießwütigen Jäger wie aus den Liedern und Märchen unserer Kindheit. Sie erinnern sich an "Fuchs, du hast die Gans gestohlen"? Tja, und dann ist da noch die Naturschutzbehörde, die ein Augenmerk auf die Gesamtpopulation und die artgerechte Haltung von Wildtieren hat. Prinzipiell gehören Wildtiere in die Wildnis, nur in seltenen Ausnahmefällen können Sonderhaltungsgenehmigungen erteilt werden. Sie können sich vorstellen, dass das ein ziemlicher Aufwand ist, und es kommt auch darauf an, in welchem Kreis man lebt, sprich mit welcher Unteren Naturschutzbehörde man es zu tun hat. Da gibt es z.T. Beamte, die meinen, selbst untergewichtige Igel gehören im Winter nicht in Menschenhand. Das ist für mich aber grober Unfug! Wenn man einen Igel mit - sagen wir mal - 250g findet und es ist Ende November und es friert nachts bereits, dann gehört nicht viel dazu, um zu erkennen, dass das Kerlchen in der Wildnis Null Komma Null Chancen hat. Was soll er denn bitte sehr essen? Alle Käfer, Würmer, Schnecken etc. sind ja bereits tief in der Erde zur Winterruhe eingegraben, oder nach Hinterlassung von Eiern für das nächste Jahr erfroren. Woher soll "Mecki" jetzt das nötige Fettpolster für seinen Winterschlaf nehmen? Dafür braucht er nämlich wenigstens 500g - besser 600g. Da ist es einfach ein Gesetz der Menschlichkeit, das Tier mitzunehmen und zu pflegen. Das ist auch wenig strittig, immerhin ist es ja erlaubt, hilfsbedürftige Igel in menschlicher Obhut zu pflegen. Sie müssen allerdings zwingend wieder ausgewildert werden, sobald sie wieder fit sind. Das geht bei Igeln recht unproblematisch. Die laufen einfach los, suchen sich Futter zusammen und schlafen tagsüber in irgendwelchen Verstecken, die sie unterwegs entdecken.

Was ist das, kann man das essen?
Komplizierter wird das bei Jägern, denen man erstmal das Selbsternähren beibringen muss. So z.B. bei unserem Marderbaby vom letzten Jahr. Der kleine Kerl war mit wenigen Tagen Alter bei einem Gewitter aus seinem Nest im Dachstuhl eines Hauses gefallen, und lag im Schock und klitschnass auf dem Gehweg. Erfreulicherweise hat er den Schock rasch überwunden und keine Brüche oder inneren Verletzungen davongetragen. Er fing auch schnell an, die angebotene Hundebabymilch aus dem Fläschchen zu trinken. Tja, und dann hatten wir ihn sozusagen am Hals! Während das Kerlchen wuchs und uns mit seiner raubtiertypischen Verspieltheit viel Freude machte, nahmen die Sorgen zu: was wird mit "Cappuccino", wenn er wieder raus muss? Wer will schon gerne einen Marder in seiner Nachbarschaft? Da ist doch diese Sache mit dem Kabelbeißen. Und sie reißen auch gerne Hühner, Meerschweinchen etc., derer sie habhaft werden können. Keine gute Publicity! Außerdem gibt es eigentlich reichlich Marder bei uns, sie sind nicht wirklich vom Aussterben bedroht, da sie sich exzellent an uns Menschen angepasst haben. Man kann sie aber auch blöderweise nicht in Gehegen halten, da sie ein extrem großes Jagdrevier haben und entsprechend riesigen und abwechslungsreichen Auslauf brauchen. Die Tiere werden sonst völlig verhaltensgestört! In unserem Fall hatten wir Glück: ich konnte eine Auswilderungsstation in Bayern auftreiben, die unseren kleinen Liebling gegen eine größere Naturalspende (Futter, Wurmkur, Milchaustauscher, Vitaminpräparate ...) übernommen hat. Wir dürfen also hoffen, dass er jetzt glücklich im bayerischen Wald lebt. Schlimm war es schon für uns, den kleinen Schatz in eine ungewisse und unsichere Zukunft zu entlassen, aber so wollte es nunmal seine Natur.

Igelchen im Winterschlafquartier
Doch zurück zu unseren Igeln. Es ist wieder soweit! Es wird kälter und sie finden weniger Nahrung. Gleichzeitig sind die Igelchen meist übel mit Parasiten belastet, Flöhe, Zecken, Darm- und Lungenwürmer sind sozusagen Standard. Da ist es nicht leicht, zu überleben. Schon recht früh im Oktober hatten wir in der Praxis zwei Igel sitzen, die am hellichten Tag, total mager und vor lauter Flöhen schon fast von selbst weghüpfend auf der Straße, bzw. auf einem Gehweg liegend (wohlgemerkt vor Schwäche nicht einmal zusammengerollt) gefunden wurden. Sie haben sich nach Abtötung der Parasiten und mit gutem Katzendosenfutter und Igeltrockenfutter gut erholt und ihr Winterschlafgewicht inzwischen erreicht. Sie sind schon wieder ausgewildert.

Gerade ist ein 220-Gramm-Igel bei uns, der bereits bei einem netten Herrn in Pflege war und in dessen Schuppen untergebracht war. Offenbar war es dort aber zu kalt, er wurde träge und hat nicht genug gefressen, und sogar abgenommen. Jetzt sitzt er bei Zimmertemperatur bei uns drinnen und wird erstmal gepäppelt. Sind wir mal gespannt, wieviele Igel es diese Saison noch werden. Allerdings sind wir ja nun mal eine Tierarztpraxis und brauchen unsere Station eigentlich für unsere Patienten. D.h. wir können hier nur Notversorgung machen. Zwei Igelchen als längerfristige Gäste, den Luxus leisten wir uns schonmal, aber mehr geht echt nicht. Die eigentliche Pflege der Patienten müssen dann die Überbringer leisten. Bzw. wenn sie die Tiere nicht selbst artgerecht versorgen können, müssen sie eine Igelstation aufsuchen. Diese von engagierten Privatpersonen geführten Pflegestationen kann man über die regionalen Tierheime oder beim Verein Pro-Igel e.V. erfahren. Dort gibt es auch viele tolle Infomaterialien zum Download.

Igelchen in der Schule
Nächste Woche bin ich selbst dann auch wieder mal in Aufklärungsmission unterwegs: seit einigen Jahren besuche ich im Herbst immer die vier Klassen der Erstklässler unserer hiesigen Jim-Knopf-Schule mit einem Igelchen. Die Kinder nehmen das Thema Igel im Unterricht durch und der Besuch ist immer wertvoll, um nochmal zu zeigen, was Igel fressen, zu erklären, wie sie leben, welchen Gefahren sie ausgesetzt sind, und es ist für die Kinder auch spannend, einmal die Stacheln zu fühlen. Ich bin davon überzeugt, dass echte Empathie nur entstehen kann durch Wissen und durch persönliche Erlebnisse.

Weniger erfreulich sind da Erlebnisse mit verletzten Tieren. So brachte mir vor einigen Jahren ein Freund der Familie ein Rehkitz, das er mit dem Balkenmäher verletzt hatte. Drei Beine waren abgehackt. Da blieb nur noch der schnelle Griff zur Einschläferspritze. Das arme Tier! Der Freund war völlig mit den Nerven am Ende. War er doch extra vorher die komplette Wiese unter seinem Obstbaumstück abgelaufen, damit genau das nicht passiert. Offenbar hatte sich das Kitz aber so gut im hohen Gras versteckt, dass er es übersehen hatte. In dem Fall war das mit dem Jagdpächter recht streßfrei, die Männer kannten sich, und so gab der Pächter hinterher noch sein ok. Aufgrund der Schwere der Verletzung und des massiven Leidens des Tieres hätte ich es ehrlich gesagt aber auch auf einen Rechtsstreit ankommen lassen. Es gibt Situationen, da muss man im Sinne des Tierschutzes schnell handeln und nicht erst kostbare Zeit vertelefonieren.

Unvergesslich ist mir auch ein anderer Jagdpächter, der mir eine angefahrene Häsin in die Praxis brachte. In seinem Revier gebe es nicht so viele Hasen, und dieser sei ihm daher schon den Versuch wert, das Tier zu retten. OK! Leider war der Feldhase zu stark verletzt und wir mussten ihn dann doch einschläfern.

2004 in der Wetterau - Tollwutbezirk
Interessant war auch ein Erlebnis mit einem Jagdpächter, der kurz nach den Überbringern eines verletzten Fuches in der Praxis eintraf. Ja, wir sollten ruhig versuchen, ob wir den Fuchs durchbekommen. Leider war die Füchsin zu schwer verletzt und wir konnten sie nicht aus dem Schock holen. Sie starb kurz nach der Einlieferung. Blöd war, dass damals bei uns noch Tollwutbezirk ausgerufen war und das Tier somit zur Sektion ans Untersuchungsamt geschickt werden musste. Klar hatten wir bei der Behandlung auch entsprechende Vorsorge zu unserer Sicherheit getroffen. Dennoch waren alle erleichtert, als der Untersuchungsbefund Tollwut - negativ eintraf.


Manchmal haben wir aber auch Glück. Im Frühjahr brachte meine Helferin ein herzallerliebstes Wildkaninchenbaby mit, das auf der Straße gelegen hatte. Es trank gut und entwickelte sich prächtig. Leider hat es einen ganz massiven Fehlbiß, d.h. der Oberkiefer ist verkürzt und die Schneidezähne beißen deshalb aneinander vorbei. Eigentlich ein Problem, das typisch für unsere kleingezüchteten Zwergkaninchen ist, und gar nicht mal für Wildkaninchen. Das Dumme dabei ist, dass die Zähne bei Kaninchen ständig nachwachsen und sie sich bei dem Kerlchen wegen des Fehlbisses nicht abnutzen. Alle 2-3 Wochen müssen sie deshalb mit der Diamantscheibe gekürzt werden. Ein kleiner Eingriff, das geht auch prima ohne Narkose, aber blöd ist es schon. In freier Wildbahn hat es so keinerlei Überlebenschance. In spätestens 4 Wochen wäre es verhungert. Es wohnt jetzt fest bei meiner Helferin und hat ein Zwergkaninchen als Gesellschaft bekommen. Etwas wilder und scheuer ist es zwar schon, aber es scheint recht zufrieden.

Jetzt fragen Sie sich vielleicht: und wer bezahlt das alles? Tja, das kann ich ihnen leicht sagen: ICH! Es gibt nämlich keine Krankenkasse für Wildtiere! Leider hört bei den meisten Menschen die Tierliebe auch jäh auf, wenn sie das Tier gefunden und bei den Fachleuten abgegeben haben. Darunter leiden auch die meist privaten Igelstationen, von denen jede Jahr für Jahr allein für Hunderte bis Tausende Euro Katzenfutter einkaufen muss. Ich habe es einmal ausgerechnet: Unsere zwei Igel frassen zusammen eine Dose Katzenfutter (€ 0,59) am Tag, und ein Päckchen Igeltrockenfutter (€ 6,95)  hält ungefähr 2 Wochen. Das sind dann allein an Futterkosten rund € 5,- pro Woche/pro Igel, dazu kommt die Arbeitszeit meiner Helferinnen beim täglichen Reinemachen, und dazu kommt noch das Behandeln und die Medikamente. Ein echter Luxus, wenn man bedenkt, dass die Tiere manchmal etliche Wochen bei uns zubringen.

Übrigens: Löwen und Tiger haben wir in der Praxis noch keine behandelt. Während meiner Uni-Klinik Zeiten hatten wir aber mal zwei Tigerbabies auf Station - das war dann schon eine spannende Sache. Zumal die süssen Wildkätzchen damals schon an die 40 kg wogen. Sie können also beruhigt sein: es gibt doch keine Neuauflage von Daktari in Berstadt ;-)