Freitag, 1. März 2013

Narkose geplant - wirklich nüchtern?

Heute morgen ist es mal wieder passiert: der Patient für die OP war nicht nüchtern.

In diesem Fall hatte Frauchen zwar daran gedacht, dass das Frühstück ausfallen muss, aber beim Morgengassi hat sie dann ganz in Gedanken einen Routinehandgriff in die Jackentasche gemacht. Und schwupps hatte Harry den Hundeknochen gefuttert.

Verzweifelter Blick: Fütter mich!
Na ja, so ein kleiner Hundekuchen kann ja nicht so schlimm sein, denken Sie jetzt vielleicht? Aber genau das ist er! Es geht dabei gar nicht so sehr um die Kreislaufbeeinträchtigung durch die Verdauung. Da haben Sie Recht, das bisschen Leckerchen hat da kaum Einfluß. Dass ein voller Magen eine Menge Durchblutung braucht, ist allseits bekannt. Das kennen wir ja aus dem Schwimmbad: mit vollem Bauch soll man nicht schwimmen gehen. Weniger bekannt ist die Gefahr des Erbrechens.

Im Fall von Harry war das Problem genau das: Narkosemedikamente bewirken in der Einschlafphase eine kurze Phase der Übelkeit. Wenn nichts im Magen ist, passiert entweder gar nichts, oder der Hund bzw. die Katze würgt eine kurze Weile, es kommt aber nichts hoch, dann schläft das Tier tiefer und der Würgereiz lässt nach. Ist ein wenig Schaum oder Magensaft im Magen, dann kommt der hoch, das ist meist auch nicht schlimm, den Schleim wischen wir rasch aus dem Maul und schon sind die Atemwege wieder frei. Schwierig ist es, wenn etwas festes, und sei es noch so klein, im Magen ist. Das kann dann nämlich auf seinem Weg stecken bleiben und dann kann es zum Verschlucken kommen. Wenn nun Teile des Futterbrockens in die Lunge gelangen, kann das fatale Folgen haben. In jedem Fall wird der Fremdkörper eine Entzündung auslösen - eine sog. Aspirationspneumonie. So eine Fremdmaterial-Lungenentzündung ist oft sehr schwer und auch nicht immer zu heilen.

Tja, und deshalb ist es so wichtig, dass nüchtern eben auch wirklich nüchtern ist! Denken Sie bitte daran, wenn Sie Ihr Tier zur Narkose beim Tierarzt vorstellen. Vor allem, seien Sie ehrlich! Niemand reisst Ihnen den Kopf ab, wenn Sie gestehen, dass Sie aus Unachtsamkeit Ihr Tier gefüttert oder mit Leckerchen versorgt haben. Wenn daraus aber ein ernster Narkosezwischenfall wird, werden Sie sich selbst die grössten Vorwürfe machen.

Für den Praxisablauf ist das natürlich schon Mist. Denn nun standen wir mal wieder da: ich und meine TFA! Eine Stunde Zeit für die OP eingeplant und nichts geht. Wir haben dann ein bißchen Papierkram aufgearbeitet und abgestaubt, bis die nächsten Patienten kamen.

Deshalb meine Bitte an Sie - im Namen aller Kollegen - nehmen Sie die Anweisungen vor Narkosen bitte ernst! Und versuchen Sie daran zu denken, alles gewissenhaft zu beachten! DANKE!


Übrigens müssen Hunde und Katzen nur 12 Stunden ohne Nahrung sein. Einen Wasserentzug wie beim Menschen brauchen Sie nicht durchzuführen. Nach einer halben Stunde ist Wasser i.d.R. bereits aus dem Magen weiter in den Darm gewandert und kann keinen Schaden mehr anrichten. Katzen mit Freigang müssen über Nacht eingesperrt werden. Denn Hand aufs Herz: könnten Sie einen Eid schwören, dass Miezi nicht vielleicht doch in der Nacht eine Maus gefangen und vertilgt, oder gegenüber bei der netten alten Dame am Katzenfutter für die Igel genascht hat? Meerschweinchen, Kaninchen und die kleinen Nagerchen müssen dagegen gar nicht nüchtern sein. Ganz im Gegenteil, deren Magen-Darm-Trakt muss ständig nachgefüllt werden, und sie sollen bis direkt vor der OP und auch gleich nach dem Aufwachen wieder Futter bekommen. Näheres finden Sie auch auf unserer Homepage.

PS - zum Trost für alle Vergesslichen: als ich vor ein paar Jahren meine eigene Katze kastrieren wollte, musste ich dafür vier Anläufe nehmen, da mein Mann es in schlafwandlerischer Manier geschafft hatte, sie sage und schreibe dreimal aus Versehen morgens zu füttern. Sie sehen, DAS kommt in den besten Familien vor ;-)