Sonntag, 10. Februar 2013

Was ist eigentlich artgerecht?



Manchmal bin ich schon erstaunt, wie engstirnig manche Tierschützer sind. Selbstverständlich muss es das Ziel sein, die Haltung gerade von in Käfigen gehaltenen Tieren so artgerecht wie möglich zu gestalten. Man kann es aber auch übertreiben. So geschehen vor wenigen Wochen.

Hier die ganze Geschichte:

Hubert ist tot! Hubert ist ein Zwergkaninchen, das ursprünglich zusammen mit seinem Bruder Daniel bei einem netten Ehepaar wohnte. Hubert hat seinen Bruder überlebt, und da er damals schon recht alt war, und auch ein wenig unleidlich anderen Kaninchen gegenüber, verbrachte er seinen Lebensabend alleine. Hubert wurde nun schwer krank und musste im Alter von 12 Jahren eingeschläfert werden. Das nette Ehepaar, das seit nunmehr acht Jahren nicht nur mit seinen Kaninchen, sondern auch mit seinen Hunden regelmäßig zu mir in die Praxis kommt, wollte nun gerne zwei neue Kaninchen bei sich aufnehmen. Die beiden sind mir als sehr gewissenhafte und stets um das Wohl ihrer Tiere besorgte Tierhalter bekannt. Da beide sehr tierlieb sind, und auch schon der jüngste Hund des Ehepaares ein „Tierheimtier“ ist, wollten sie gerne Tierheimkaninchen eine neue Heimat geben.
  

Tja, diese Rechnung hatten sie ohne die dortigen Tierschützer gemacht. Sie würden den Tieren nämlich keine artgerechte Haltung bieten! Nanu, was stimmte denn da nicht? Die Kaninchen sollten in einem wunderschönen selbstgebauten 1,8 m² großen Wohnungskäfig leben, der zwei Etagen hat. Auch in der Wohnung sollte noch regelmäßig Auslauf erfolgen. Wir reden wohlgemerkt von Zwergkaninchen und nicht von Deutschen Riesen Kaninchen, die größer als Katzen sind. Das Ehepaar war traurig und entsetzt, ausgerechnet SIE sollten Tiere nicht artgerecht halten? Zum Glück fassten sie sich rasch und Kleintierzüchter haben da auch offenbar weniger Skrupel. Sie haben jetzt zwei herzallerliebste Zwergkaninchen, die nicht so hundertprozentig den gewünschen Rassestandard halten konnten und beim Züchter im Kochtopf landen sollten. So bekam die Geschichte doch noch ein Happy-End. Nur die Kaninchen im Tierheim sitzen weiter dort und müssen warten, bis ihnen jemand die „perfekte“ Unterkunft bieten kann

Fritz + Frieda in ihrem neuen Zuhause
Grund genug, um sich mal  zu fragen, was ist "artgerechte Haltung" von Kaninchen überhaupt?

Da blicken wir doch zuerst mal zu den Wildkaninchen! Die leben in Familiengruppen, die ein weitläufiges Revier durchstreifen und den ganzen Tag Gräser und Kräuter fressen. Bei Gefahr und zum Schlafen verstecken sie sich in ihren unterirdischen Bauten, wo sie auch ihre Babys zur Welt bringen. Das ist natürlich 100%ig artgerecht, aber das kann kaum ein Mensch den Heimkaninchen bieten. Und wenn doch, hat es den Nachteil, dass die Tiere schwer zu kontrollieren sind. Ich kenne solche Haltungen, in denen tote oder sehr kranke Kaninchen z.T. nach Tagen erstmal ausgegraben werden mussten. Auch droht den Kaninchen dort immer die Gefahr, durch Katzen oder Marder angegriffen und gar gerissen zu werden. Medizinisch und auch tierschützerisch gesehen auch nicht so toll.

Dann gibt es die Variante in Freigehegen mit Schutzhäusern und einem aus- und einbruchsicheren Zaun, wie unten auf dem Bild. Tja, und schließlich die o.g. Haltung in Zimmerkäfigen. Da sind ja meist diese Plastikschalen mit Gitteraufsatz aus dem Zoohandel üblich. Die sind in der Tat etwas klein und darin kann sich ein Kaninchen auch nie mal die „Beine vertreten“.  Es gibt aber auch viele Halter, die aus mehreren handlesüblichen Käfigen, oder liebevoll und mit viel tierischem Sachverstand selbst gebaute Käfiglandschaften in ihre Wohnzimmer integriert haben.

Artgerechte Kaninchenhaltung im Freilandkäfig
Es gibt also viele Varianten, Kaninchen oder Meerschweinchen unterzubringen. Was gibt Tierschützern nun aber das Recht, die „optimale“ Haltung oder, sagen wir es mal in Schulnoten, die "sehr gute" Haltung mit der Note eins zwingend zu fordern? Tut es nicht auch die "gute" Haltung mit der Note zwei, und vielleicht auch noch die "befriedigende" mit der Note drei? Die alte "Hasenkiste" unserer Väter oder den modernen Industrie-Plastik-Käfig muss man nicht akzeptieren, die halte ich auch für ein "No-Go" oder in Schulnoten ausgedrückt "ungenügend".
Neues Zuhause der Zwergkaninchen Fritz + Frieda
Aber meiner Meinung nach sollten sich zwei kleine Kaninchen, wie Fritz und Frieda, in dem oben beschriebenen Käfig bei dem netten Ehepaar locker wohlfühlen können. Die beiden haben mir netterweise sogar erlaubt Ihnen ein Bild des Kaninchen-Domizils zu zeigen, urteilen Sie also selbst. Auch wir Menschen leben oft genug in Wohnsilos und nicht in einem schicken Haus mit Garten, ohne seelischen oder körperlichen Schaden zu nehmen.
Meine Vorstellungen von einer ar(z)tgerechten Heimtierhaltung von Kaninchen und Meerschweinchen habe ich vor einigen Jahren mal zusammengefasst und als Infoblatt für meine Heimtierhalter in der Praxis ausgelegt und auch auf der Praxis-Homepage veröffentlicht. Wenn Sie möchten, schauen Sie dort mal rein. Dort finden Sie auch Infos zur Ernährung. Da liegt nämlich ein ganz häufiges Problem!

Kaum ein Futterhersteller und auch kaum ein Heimtierhalter weiß nämlich, dass Meerschweinchen und Kaninchen gar keine Körnerfresser, sondern Kräuterfresser sind. Das heißt, sie fressen in freier Wildbahn fast ausschließlich Kräuter und Gräser sowie dürres Gras (Heu). Die Mais-, Hafer-, Weizen- oder sonstigen Körner und Backwaren in den häufig verkauften Mischfuttern fressen sie zwar, die sind aber auf Dauer sehr ungesund, und eher zur schnellen Mast geeignet. Aber wer will seine Kaninchen schon fett füttern und essen? Meine Tierbesitzer wollen das in der Regel nicht. Sie wollen, dass sie möglichst gesund sind und bei ihnen alt werden. Am Liebsten so alt wie Hubert, der es in seinem angeblich "nicht artgerechten" Heim auf stolze 12 gesunde Jahre brachte.